Mehr Zeit für menschliche Nähe haben.
Zwischenbilanz zur Halbzeit im Modellproiekt „Einfach machen – Bürokratieabbau in der ambulanten Pflege“.
Pflegekräfte in der ambulanten Versorgung kämpfen täglich nicht nur mit der Betreuung ihrer Patientinnen und Patienten, sondern auch mit einem wachsenden Berg aus Vorschriften, Formularen und Dokumentationspflichten. Zeit, die für menschliche Zuwendung fehlt. Genau hier setzt das Modellprojekt „Einfach machen – Bürokratieabbau in der Pflege“ an.
Das vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege geförderte Projekt soll konkrete Wege aufzeigen, wie bürokratische Hürden in der ambulanten und stationären Pflege abgebaut werden können. Träger ist der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). Für den Bereich der ambulanten Pflege wurde der Landkreis Berchtesgadener Land als Modellregion ausgewählt – nicht zuletzt wegen des bereits etablierten „Netzwerks Soziale Dienste“, das Pflegedienste, Ehrenamt und Landkreis eng miteinander vernetzt. Das Projekt läuft seit Juni 2025 und ist bis Mitte 2027 angelegt.
Zur Halbzeit trafen sich am vergangenen Mittwoch zahlreiche Beteiligte im Vivaldo Quartierhaus in Ainring, um Bilanz zu ziehen. Vorgestellt wurden bisherige Erkenntnisse aus den Arbeitskreisen sowie die nächsten Schritte auf dem Weg in die Pilotphase. Vertreterinnen und Vertreter ambulanter Dienste, Pflegekassen, des bpa, des Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK), des Medizinischen Dienstes und weitere Akteure aus dem Pflegebereich kamen dazu zusammen. Projektleiter Georg Wetzelsperger machte deutlich: Bürokratieabbau dürfe nicht bei einzelnen Erleichterungen stehenbleiben. Ziel müsse eine dauerhafte „Bürokratiearmut“ sein – also Strukturen zu schaffen, die neue Belastungen frühzeitig verhindern. Auch die stellvertretende Landrätin Iris Edenhofer unterstrich die Dringlichkeit: Bürokratie dürfe Pflegekräfte nicht von ihrer eigentlichen Aufgabe abhalten. Weniger Verwaltungsaufwand bedeute nicht weniger Qualität – sondern mehr Zeit für professionelle Pflege und menschliche Nähe. Per Videoschalte war auch Bernhard Seidenath, Vorsitzender des Landtagsausschusses für Gesundheit, Pflege und Prävention, zugeschaltet.
Seine Einschätzung fiel deutlich aus: Bürokratie sei „eine Geisel für die Pflegeberufe“. Er würdigte das Vorhaben als Modellprojekt mit Signalwirkung für ganz Bayern. Im ersten Projektjahr wurden die größten bürokratischen Belastungen systematisch erfasst und priorisiert. Dafür führte das Projektteam Interviews mit Pflegekräften, Ärztinnen und Ärzten, Krankenhäusern, Kostenträgern, pflegenden Angehörigen und Apotheken. Die Ergebnisse flossen in drei Arbeitskreise ein und wurden dort weiter konkretisiert. Der Arbeitskreis „Pflegende Angehörige“ unter der Leitung von Irmgard Auer befasst sich mit der frühzeitigen Unterstützung pflegender Angehöriger. Unübersichtliche Informationsangebote, ein hoher organisatorischer Aufwand im Pflegealltag, mangelnde Vorsorge für Notfälle und hohe Fahrkosten zur Tagespflege sind Hürden, die diese überwinden müssen. Zur Erleichterung wird die Stärkung des Pflegestützpunkts als zentrale Anlaufstelle, die Entwicklung einer Informationskarte „Plötzlich Pflegen“ sowie einer Notfallkarte mit wichtigen Kontaktdaten vorgeschlagen. Desgleichen soll eine stärkere Unterstützung durch kommunale Pflegelotsen erfolgen.
Im Fokus des Arbeitskreises „Verordnungsmanagement“ stehen die oft komplizierten Prozesse rund um ärztliche Verordnungen. Arbeitskreisleiterin Ulla Sorre berichtete von fehlerhaft ausgefüllten Formularen, wiederholten Korrekturschleifen zwischen Arztpraxis und Pflegedienst sowie langen Verzögerungen bei Genehmigungen. Als Lösungsansätze nannte sie den verstärkten Einsatz von Dauerverordnungen, die digitale Übermittlung inklusive digitaler Unterschriften sowie eine bessere Unterstützung der Arztpraxen beim Ausfüllen der Formulare. Klar sei: Pflegekräfte müssten bei bestimmten Entscheidungen mehr Eigenverantwortung erhalten. Der Arbeitskreis „Digitalisierung und Entlassmanagement“ unter Leitung von Rupert Übelherr nahm die Schnittstellen zwischen Krankenhaus, Hausarzt, Pflegedienst und weiteren Leistungserbringern unter die Lupe. Die Analyse zeigte bekannte Schwachstellen: fehlender digitaler Datenaustausch, verspätete Entlassinformationen und Informationsverluste beim Übergang zwischen den Versorgungsbereichen. Nötig seien ein konsequenter Ausbau der Telematikinfrastruktur, standardisierte Kommunikationswege und eine frühzeitige Einbindung aller Beteiligten.
Wie digitale Vernetzung künftig aussehen könnte, zeigte Stephanie Ludinsky in ihrem Impulsvortrag. Am Beispiel einer Schlaganfallpatientin skizzierte sie, wie medizinische Informationen künftig sektorübergreifend verfügbar sein könnten – für Ärztinnen und Ärzte, Krankenhäuser, Apotheken und Pflegeeinrichtungen gleichermaßen. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die elektronische Patientenakte. In der anschließenden Diskussion wurde jedoch auch deutlich: Gerade die ambulante Pflege ist bislang noch nicht ausreichend in die digitale Infrastruktur eingebunden. Wenn Bürokratie tatsächlich spürbar reduziert werden soll, wird sich das in den kommenden Ausbaustufen dringend ändern müssen. Im weiteren Projektverlauf sollen die entwickelten Lösungsansätze in der Praxis erprobt werden, um die Maßnahmen auf ihre Praktikabilität und Effizienz hin zu beurteilen. Es folgen Handlungsempfehlungen und Vorschläge für eine landesweite Übertragbarkeit.
Von Monika Konnert
Quelle: Freilassinger Anzeiger
